…das sind die, die nur Lösungen präsentieren
…das sind die, die viel Geld kosten
…das sind die, die nur reden ohne auf die Menschen einzugehen
…das sind die, mit den schönen Präsentationen
Die Liste könnte wahrscheinlich noch endlos weitergeführt werden. Doch belassen wir es einmal bei diesen paar sehr typischen Aussagen.
Wer aber sind diese Berater? Weshalb existieren so viele Klischees und Vorurteile über diese Berufsgruppe?
Klischees & Vorurteile
Klischees und Vorurteile halten sich zuweilen hartnäckiger als man zugeben möchte. Man sieht sich ja lieber als den stets tiefgründigen, gänzlich von Oberflächlichkeiten befreiten Menschen. Denn wer gibt schon gerne das Gegenteil zu — und dann noch öffentlich. Das allerdings ist eine andere Geschichte.
Wir wollen hier ja über die Beratergilde sprechen. Um jetzt keine Verwirrung aufkommen zu lassen, von welchen Beratern die Rede ist: den Stereotyp des anzugtragenden Unternehmens- oder Business-Beraters. Dabei sei mir das teils ausschliesslich verwendete Maskulinum verziehen. Es soll lediglich das Klischee der männerdominierten Branche unterstreichen, ohne natürlich — schon im Sinne der Gleichstellung — Frauen ausschließen zu wollen.
Diese Berater also führen Sparmaßnahmen ein, entlassen Leute, wissen oder geben zumindest vor, zu wissen, was zu tun und zu lassen ist, um letztlich das Unternehmen dann doch in den Ruin zu führen — oder eben zu beraten. Handelt es sich dabei auch noch um namhafte Unternehmen, lassen entsprechende Schlagzeilen und Schuldzuweisungen auf den Titelseiten nicht auf sich warten.
Denn läuft etwas schief, sind bekanntlich immer die anderen schuld und jemand muss den Kopf hinhalten. In unserem Fall die Beratergilde. Kommt es zum Erfolg, was in der Praxis viel öfter der Fall ist, klopft sich die Geschäftsleitung natürlich selbst auf die Schultern.
Die Geburt neuer Protagonisten
Der Trend der Selbstständigkeit und des Unternehmertums hat in den letzten Jahren, wie dies öfter der Fall ist, auch für die Geburt neuer Teilnehmer und Teilnehmerinnen im hart umkämpften Markt gesorgt. So glaubt man nunmehr zu wissen, ja ist sogar davon überzeugt, die „alte“ Beratergilde sei überflüssig geworden — gar kontraproduktiv und nicht des Rätsels Lösung eines erfolgreichen Unternehmens (oder eben Business).
Man denke beispielsweise daran, dass während der „alten“ Ära vor allem die Menschen auf der Strecke blieben. So wurden traditionelle Berater zu unliebsamen Statisten in diesem Film und durch neue Protagonisten für die immer grösser werdende, nach Business-Erfolg strebende Masse abgelöst: Coaches, Keynote Speaker, unzählige „Experten“ und „Expertinnen“ für Selbständige, Unternehmer und Unternehmerinnen. Die Expertise? Meist tausendfaches Copy-paste.
So folgte eine Überschwemmung, ja fast schon ein Tsunami könnte man sagen; in all ihren Formen und mit all ihren Angeboten. Erst wenn man den heiligen Gral gefunden, die Odysee in die dunkelsten Ecken des eigenen Selbst durchlebt hat, findet man Erfüllung und letzten Endes zum garantierten Glück, Erfolg und Reichtum. So das neue Credo!
Des Menschen bester Freund – Hoffnung?
Du bist deines Glückes Schmid und gänzlich für deinen potenziellen Erfolg verantwortlich, alles liegt an oder eben in dir. Von wegen zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, mit den richtigen Leuten – glückliche Zufälle gibts nicht.
Unerwähnt bleiben auch alle Aspekte und Wegbegleiter, die den Weg des Aufstiegs vieler Helden und Heldinnen gepflastert, positiv beeinflusst oder gar begünstigt haben. Der Fokus liegt allein auf ihrer großen Mission: Jeder kann es schaffen. Wo ich bin, kannst auch du kommen!
Denn des Menschen bester Freund — oder manchmal auch Feind — ist die Hoffnung. So werden den Ängsten mit Hoffnung angereicherte Narrative entgegengesetzt. Hoffnung gibt unserem Tun und Handeln einen Sinn und lässt uns an Mythen glauben, ja fast schon zwanghaft daran festhalten. Wer möchte nicht der Held oder die Heldin der eigenen Geschichte sein, der tausendfach herangezogenen Metamorphose vom Tellerwäscher zum Millionär oder vom Suchenden zum Erlösten.
Denn hat man einmal sein „Warum“ gefunden, den Sinn und Zweck für sich und für das eigene Unternehmen, ist der Weg frei. Alle Übrigen, diesen Weg nicht folgen Wollenden, bleiben Ausgeschlossene – Randgruppen. Immer noch an Traditionen und alte Denkmuster Behaftete
Wenn die Beratergilde sich weigert, mitzutanzen
In der Tat, hier wollen die realitätsbezogenen, bar jeder Empathie und geldgierigen Berater nicht so recht ins Bild passen. Die Präsentation in der einen und den Vorschlaghammer in der anderen Hand. Stets bereit, der Klientschaft auf die Finger zu klopfen, sollten sie sich zu sehr den eigenen Träumen und Utopien hingeben wollen — auch wenn diese außerhalb der künstlich kreierten Blasen betrachtet nicht realisierbar sind. Doch wer gibt schon was auf Real Life oder Real Business, wenn wir allein durch unsere Gedanken alles lenken und erreichen können.
Ja, liebe Leser und Leserinnen — ohne Publikum keine Bühne. Nur, vielleicht liegt das auch daran, dass solche Berater und Beraterinnen gar nicht auf dieser Bühne tanzen wollen? Ich bin versucht, einige dieser vielen Klischees und Vorurteile zu widerlegen. Doch Gedankengut lässt sich meist schwer wegargumentieren. Und wo sollte ich auch beginnen und wo aufhören, ohne dass es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.
Nehmen wir nur die teils überdimensionalen Honorare in der Coaching-Branche (wovon übrigens, will man es glauben oder nicht, viele Berater und Beraterinnen nur träumen können), mit welchen in die Hoffnungen und die Suche nach dem einen wahren zu — nicht zwangsläufig monetären — Erfolg führenden Pfad «investiert» wird. Schaut man sich dann um, bleibt die Frage: Wer cruised letztlich mit dem eigenen Jet durch die Welt oder geniesst sein Leben unter Palmen?
Romeos Sehnsucht
Ein Vorurteil möchte ich allerdings doch etwas entkräften: auch die Beratergilde weiss um die Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume ihrer Klientschaft – sie kommunizieren mit ihnen und hören aktiv zu (siehst Du, es gibt sie doch, die Zeichen und Wunder). Doch sie wissen auch um das Unternehmertum, um die vielschichtigen und unterschiedlichen Themen, die Aufgaben und Herausforderungen. Interne und externe Aspekte, die soweit möglich zu berücksichtigen sind, zahlreiche Einflussfaktoren wie der Mensch selbst — und nicht alles davon ist vorhersagbar, -bestimmbar oder lenkbar.
Mit ein Grund übrigens, dass seriöse Berater und Beraterinnen weder Versprechungen noch Garantien abgeben — abgeben KÖNNEN.
Auch so eine Sache, diese Versprechen: Die Menschen klammern sich nur allzu gerne daran, wie an einen Strohhalm beim Ertrinken. Und so hängen sie an den Lippen der rhetorisch Begabten und Geschulten, wie der liebeshungrige Romeo an die Hoffnung, letzten Endes seine Holde für sich gewinnen zu können. Der Ausgang dieser Tragödie ist uns allen wohl bekannt.
Vernichtete Träume?
Werden Berater und Beraterinnen also dafür bezahlt, Träume und Visionen zu vernichten? Nein, aber Bubbles. Weisen sie doch ebenso auf mögliche auf dem Weg liegende Steine hin oder warnen gar vor tiefen Abgründen. Auch auf die Gefahr hin, dass die Klientschaft diese bewusst ausblendet oder gar abspringt.
Liebe Leser und Leserinnen, mit der Verantwortung ist das halt so eine Sache. Doch eins weiss ich sicher, es gibt sie: diese vielleicht traditionellen, seriösen und verantwortungsvollen Berater und Beraterinnen. Vielleicht sind sie keine bunten Einhörner — schaut man jedoch genau hin, erkennt man sie dennoch.
In diesem Sinne wünsche ich allen viel Glück, Erfolg und (wer mag) auch Reichtum!
Anmerkung der Autorin: Dieser Artikel richtet sich nicht an konkrete Personen oder Unternehmen. Er widerspiegelt Beobachtungen, Erfahrungen aus der Praxis sowie Gespräche mit anderen Marktteilnehmern und -teilnehmerinnen. Man möge mir dabei die vielleicht teils etwas provokativ anmutende Schreibweise verzeihen, mit welcher ich lediglich im Sinne von Quer.Gedacht zum Nachdenken und Hinterfragen anregen möchte

